Jetzt im Kino: Under the Silver Lake

Schon das Filmplakat hat was vom letztjährigen SHAPE OF WATER.
Zufall? Gewollte Verwechslungsmöglichkeit? Nach UNDER THE SILVER LAKE stelle ich mir solche Fragen …
Nicht, dass dieser Film einen paranoid machen würde, aaaaber einen Schuss Paranoia verbreitet dieses fast zweieinhalb Stunden lange Werk (wie ja Paranoia an sich zur US-amerikanischen Gesellschaft gehört, haha, hehe).

Zur Handlung: Es geht um Sam (Andrew Garfield, die Attraktion aus HACKSAW RIDGE von 2016). Der ist ein Nichtstuer und ‚Slacker‘, lungert in einem Wohnblock in den Hollywood Hills bei Los Angeles und spannt auf seine Nachbarn.
Ihn bezaubert die blonde Sarah (Riley Keough), die neckisch im Pool schwimmt und ihn abends auf einen Joint einlädt.

Sam verliebt sich, doch beim nächsten Date ist Sarah verschwunden. Daraufhin stalkt und verfolgt er ihre Freundinnen, was ihn allerdings nur durch eigenartige Partys und Clubs schwemmt, wo er seltsamen Menschen begegnet:
Escortfrauen, Musikern, Prominenten – und dem abgedrehten Zeichner eines Undergroundcomics (Patrick Fischler), der ihn auf eine Schatzsuche durch Hollywood schickt.
Was sich dann anschließt, ist mehr eine spinnerte Schnitzeljagd entlang gleich mehrerer Verschwörungstheorien, die aber ihre Opfer fordert. Sam stolpert von einem Wahnsinn in den nächsten.

Schauen Sie sich NICHT den Trailer an! Grob verfälschend. Der Trailer wirkt, als sei UNDER THE SILVER LAKE ein geradlinig und logisch verlaufender Film. Nichts ist verkehrter!

Denn schon in den ersten Minuten passiert so viel absurdes Zeug, dass wir aufgerufen sind, dieses Werk in jeder Szene zu hinterfragen: Ein Eichhörnchen fällt vom Baum und platzt vor Sams Füßen, eine junge Frau im Dirndl kommt mit Pizza vorbei, die beiden vögeln zu Damentennis im Fernsehen und kommen zum Hilferuf der Angehörigen eines Entführungsopfers. Die Nachbarin gegenüber füttert halbnackt ihre Papageien, Sam rätselt, was die Papageienvögel den lieben langen Tag wohl schreien: ein Wort, eine Warnung?
Dann kackt Sarahs Hund vor die Haustüre und Sam streichelt das Tier. Sarah tritt hinzu, die beiden plaudern, kiffen, machen rum, werden dann gestört durch Sarahs Mitbewohnerinnen, die von einem piratesken Typ mit Augenklappe herumgescheucht werden.

Das verhinderte Liebespaar: Sam und Sarah.

 

Das sind die wirren ersten Minuten – und UNDER THE SILVER LAKE lässt weitere zwei Stunden nicht locker! Ich hatte das Gefühl, jede verdammte Szene referenziert irgendetwas Anderes: Stummfilmstar Janet Gaynor, Marilyn Monroe, CITIZEN KANE, Werbeplakate, Videospiele, ist das nicht der Pool aus Wilders SUNSET BOULEVARD? Ist dieser Sam ein moderner GREAT GATSBY ohne jeden Glamour?!

Was soll außerdem diese schräge Band, die zweimal auftritt: Jesus and the Brides of Dracula?!
(Der Name und diese Kombination verraten schon, was hier alles überkreuz geht; hah, hab ich ‚überkreuz‘ gesagt? Jesus!)

Dann passieren noch die märchenhaften Szenen mit dem „König der Obdachlosen“, ein Hundemörder treibt sein Unwesen und wir treffen die Sektentypen (ist das ein Seitenhieb auf Scientology?), die sich auf ein besseres Jenseits vorbereiten. Als gäbe es noch was Besseres als diese ohnehin schon mit Sex, Drogen und Rockmusik saturierte, kalifornische Wirklichkeit!
Aber ist die eigentlich noch real, noch ernst zu nehmen, zu traumhaft, um noch wahr zu sein?

Bei der Gelegenheit sei angemerkt, dass sämtliche Frauen in UNDER THE SILVER LAKE sexualisiert dargestellt werden. Wir sehen sie nackt, halbnackt, in aufreizenden Klamotten, keine ist über 30. Männerfantasien oder Hollywood-Normalität?

(Die einzige Frau, die über 40 ist, gewinnt am Ende noch an Bedeutung! Aber ist das nicht auch ein Filmzitat irgendwoher? Himmel!)

Sam im Gespräch mit einigen der Frauen am Rande des Feminismusverrats.

 

Noch dazu liegt ein absolut kranker Soundtrack über vielen Passagen des Films. Ruhige Szenen werden durch Bernard-Herman-artige Orchestergewitter überlagert. Unpassende Oldschool-Melodramenmusik begleitet Sam auf seiner Suche.

Ich sage es vorab:

UNDER THE SILVER LAKE ist unerklärlich.

 

Sie werden dem Film nicht beikommen, sinnlos. Es gibt Szenen, die fügen sich nicht ins sonstige Gerüst. Es gibt Handlungsstränge, die laufen ins Leere. Es kommt zu Ereignissen, die Sie nicht verstehen werden. Dieser Film ist eine Traumreise.
Lassen Sie sich treiben, soweit sie möchten. Wenn Sie können.

UNDER THE SILVER LAKE ist so ein Film, aus dem jeder Zuschauer was für sich machen muss. Ein Rätsel, ein Puzzle, ein Memoryspiel, bei dem man nach passenden Stücken sucht.
Ist alles nur eine Drogenfantasie? Ist der Hauptdarsteller irgendwann tot gegangen und irrt nun durch ein Zwischenreich seiner pervertierten Erinnerungen?

Ich halte den Film für einen abgründig bösen Kommentar auf das moderne Westküsten-Amerika, auf Hollywood, auf #MeToo, auf Popkultur im Allgemeinen. Für mich ist (eine) Schlüsselszene die, wo Sam in der Xanadu-artigen Villa auf den ‚Songwriter‘ trifft, der erst wie Gott erscheint, sich jedoch bald als der Teufel entpuppt.

Der sardonische Greis am Klavier erklärt Sam, alle Kultur der letzten Jahrzehnte sei von alten weißen Männern wie ihm erschaffen worden, des puren Kommerzes wegen. Selbst die vermeintlich rebellischen Künstler seien Marionetten der Industrie gewesen, um diese immer weiter am Laufen zu halten.

Eine weitere Verschwörungstheorie, sicher, die mir jedoch in dieser Phase des Films viel Spaß gemacht hat. UNDER THE SILVER LAKE ist keine Komödie, auch wenn ich ein paarmal aufgelacht habe. Es ist ein Spaß, ein Spiel, ein (Alp?)Traum, durch den wir driften – spätestens ab der Hälfte ist man sowieso nur noch mit Theorienbildung beschäftigt.

Was ist das denn jetzt schon wieder?!

Die Kritik  verbucht den Film als Neo-Noir-Thriller, das ist nicht falsch, greift jedoch zu kurz. Ein Neo-Noir-Thriller, konzipiert von Luis Buñuel und gedreht von den Coen-Brüdern, ja.

Mich erinnert UNDER THE SILVER LAKE sehr an die Westküsten-Filme der irren Brüder, an BARTON FINK und THE BIG LEBOWSKI. Die Schwüle, die Seltsamkeit, die Inszenierung, mich wundert, dass der Mann vom epd-Filmdienst das nicht gemerkt hat.

Auf dem noch frischen Wikipedia-Eintrag wird dieser zitiert. Der Film des Regisseurs David Robert Mitchell sei „eine überbordende Genrereflexion, ein Sammelsurium aus klassischen Motiven, filmhistorischen Zitaten und popkulturellen Anspielungen, teils smarte Parodie, teils surrealer Paranoia-Thriller“, mit Hommagen an Hitchcock, Polanski, Lynch, de Palma. Alles richtig.

Und ganz im Vordergrund in meinen Augen noch Verbeugung vor Ethan und Joel Coen!

Die ZEIT nennt UNDER THE SILVER LAKE einen „wunderbaren, verrückten Clusterfuck aus gefühlten hunderten MacGuffins und Ideen, Verweisen und Fragmenten“. Insgesamt aber verheddere der Film sich und ersticke letztlich in sich selber. Auch richtig, macht aber nichts. Ich fand den Film zwar lang, aber nicht quälend lang (bei den Sektenmenschen und dem König der Obdachlosen hätte man jedoch problemlos kürzen können).

Randbemerkung 1:

Protagonist Andrew Garfield hat in zwei Filmen mal SPIDER-MAN verkörpert, worauf es eine lustige Anspielung gibt. Auch das typisch für diesen Film, der von Meta-Verweisen nur so wimmelt: Sam greift zu einem SPIDER-MAN-Comicheft, das ihm an der Hand haften bleibt (aber nicht wegen Spinnenfäden, sondern Kaugummiresten … andere Szene vorher erklärt dies). Sam muss das Heft nun genervt und höchst energisch abschütteln, was ich sehr lustig fand.
Es sind Dutzende, wahrscheinlich Hundertes solcher Details, die UNDER THE SILVER LAKE transportiert, schmuggelt, verfremdet; ein irrer Moment auch der, wenn wir das PLAYBOY-Titelbild im späteren Verlauf in einer Szene nachgestellt sehen!

Randbemerkung 2:

Was mich an UNDER THE SILVER LAKE aber am meisten geflasht und fasziniert hat, ist die Landschaft. Die bizarre Gegend in und um die Hollywood Hills, die ich so in noch keinem Film gesehen habe. Wir alle kennen aus dem Kino die Boulevards, die Villen, die Straßen, den Blick über die Stadt.
Aber hier ist die Landschaft auch schäbig, dreckig, gestrüppig, es hocken verwunschene Apartment-Anlagen dort in den Gebüschen. UNDER THE SILVER LAKE schafft einen surrealen Kontext für diese wilden und willkürlichen Architekturen.
Mir hat das einen völlig neuen Eindruck der Landschaft Hollywood vermittelt, die mich ab nun auf gespenstische Weise verfolgen wird.

Wenn das denn alles überhaupt so ist!

Film! Weiß man ja nie! Hilfe!

Kurz: UNDER THE SILVER LAKE ist einer der verrücktesten Filme, die ich je gesehen habe (das sagt einiges). Eine lustvolle Tortur. Aber ist gerade unser behütetes, westliches Leben nicht eine einzige lustvolle Tortur?!
Sie sehen, der Film macht einen ein bisschen wahnsinnig. Aber ich bin dankbar dafür!

Im Anschluss doch noch ein ganz kurzer Filmausschnitt aus Cannes: Sams Marilyn-Monroe-Fantasie über Sarah; die Ikonografie ist unverkennbar.

(Im Anschluss des Clips können Sie noch einen zweiten Werbeclip aus Cannes ansteuern. Sam unterhält sich mit dem merkwürdigen Comiczeichner, der in einer Wohnung voller Gipsmasken lebt und niemals blinzeln muss, hahaaa! Ich setze ihn aber auch noch hier drunter …)

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