Interview mit Carsten Laqua

Carsten Laqua hat über Comics geforscht, Bücher publiziert, Ausstellungen durchs Land geschickt. Er betreibt ein Antiquariat, kennt Gott und die Welt, handelt mit Originalen und organisiert die Berliner Comicmesse.
COMIXENE-Redakteur Tillmann Courth hat Laqua besucht, begleitet und versucht, diesen Macher für ein Porträt einzufangen.

[Dieser Beitrag ist eine andere Fassung als die,
die in der COMIXENE Nr. 129 vom November 2018 erscheint!
Im Print mussten wir Passagen kürzen und auf einige Fotos verzichten …]

 

Berlin-Lankwitz, Heimat und Wohnsitz von Carsten Laqua. Ein Freitagabend im Oktober. Wir treffen uns bei ihm zu Hause. Er kommt von außerhalb, hat Freunde besucht. Wir ordern Pizza und Salat.

 

Wie bezeichnest du dich eigentlich: Kunsthändler? Comicdealer? Galerist?

Ich sehe mich weniger als Kunsthändler, sondern mehr als Drogenhändler. Im Ernst: Wenn ich das Richtige habe, kommen die Leute von alleine. Ein Kunsthändler mit Galerie muss seinen Kunden andauernd erklären,  was gerade ‚in‘ ist oder was sie sich an die Wand hängen müssen, blablabla. Zu mir kommen die Leute, weil ich ihnen biete, was sie haben wollen. Ich muss nicht werben. Der Kunsthandel dagegen betreibt eine Menge Marketing, um Künstler aufzubauen.

Du bemühst ernstlich diese Analogie: Drogenhändler?

Ich bin ja selbst auf Droge!

 

Mir fällt auf, dass du mit klassischem Artwork aus den USA und Frankreich handelst. Wenig Deutsches und Graphic Novels, oder?

Mit Graphic Novels hab ich so meine Schwierigkeiten. Die sprechen mich inhaltlich selten an, das mag an meinem Alter liegen oder an den Themen, die mich nicht interessieren: dass wir die Dritte Welt retten sollen oder dass die Autorin ihre erste Menstruation erlebt. Was nicht heißt, dass diese Themen keine Berechtigung hätten, aber viele Leute, die Graphic Novels machen, sollten erst mal zeichnen lernen.
Ein paar gute gibt es schon, ich handle ja mit Reinhard Kleist, der allerdings sehr kontinuierlich arbeitet und sich Themen sucht, die populär sind. Comics sollten nicht nur belehren oder irgendeine Message rüberbringen wollen, sondern vor allem unterhalten.

Laqua erzählt, dass er in Erlangen die Ausstellung der Originale aus der Carlsen-Reihe „Die Unheimlichen“ begutachtet hat.
Gefallen haben ihm die „Wassergespenst“-Illustrationen von Barbara Yelin, aufgeregt hat er sich über den Titel und Look des Kreitz-Bandes, „Die Nachfolger des Nachtlebens oder so, ich versteh den nicht mal, so schlechtes Deutsch, grauenvoll, würde ich niemals lesen!
Ich bin gestorben bei dem Titel, der macht keinen Sinn. Das schreckt mich schon ab, es gibt andere Sachen im Leben, da muss ich mich nicht mit den ‚Nachfolgern im Nachtleben‘ rumschlagen.“

Ich sehe, du kommst in Fahrt. Was sagst du denn allgemein zu den Ausstellungen in Erlangen?

Da fehlt Mainstream! Der ganze Salon besteht fast nur noch aus Nebenthemen.
Gut, es gibt momentan nicht so viele Mainstream-Themen, aber die Italiener machen tolle Ausstellungen mit Artwork aus den LUSTIGEN TASCHENBÜCHERN. Hast du schon mal eine Ausstellung über die LUSTIGEN TASCHENBÜCHER in Erlangen gesehen? Das, was jeden Monat Hunderttausende kaufen, findet null Berücksichtigung auf dem Salon. Aber viertklassige Graphic Novels, die höchstens Tausend Leute kaufen, wahrscheinlich nicht mal lesen, die werden gezeigt. Das soll man ruhig zeigen, aber nur als Ergänzung, gerne auch als Anregung, aber es darf nicht der ganze Salon aus solchen Themen bestehen.

Ich bin auch nicht der große Erlangen-Fan. Sie überfordern mich jedes Mal, sie zeigen so viel, dass es mir fast wahllos vorkommt.

Das hat ja Gründe: Die nehmen, was sie kriegen können, und wenn es umsonst ist, erst recht. Dann haben sie ihre Angoulême-Connection, wo sie fertige Ausstellungen einkaufen. Ob die immer hierher passen, sei dahingestellt.

Ich hab vor Jahren schon gesagt: Macht doch statt 15 kleiner Ausstellungen nur vier, die aber so groß, dass man sie exportieren kann!
Die nostalgische Sammlerszene, die die Comics ihrer Jugend sehen will, kommt in Erlangen regelmäßig zu kurz. Zudem wird der Salon von städtischen Bediensteten organisiert, was ein Strukturproblem ist. Das sind Veranstaltungsprofis, aber keine Comicprofis!

Ich habe denen Sergio Aragonés angeboten: Ich habe Originale und ich hätte Sergio mitbringen können! Das ist ein persönlicher Freund von mir, wir hätten Künstlergespräche und Podiumsdiskussionen veranstalten können – nichts zu machen!
Inzwischen ist er über 80 und will nicht mehr reisen. Es ist so traurig. Die meinen das nicht böse da im Kulturamt, das sind eben Beamte, die das ganze Jahr über Veranstaltungen machen müssen. Comics können da nicht die Beachtung finden, die sich der Comicfan wünscht. Und trotzdem ist Erlangen immer noch das Beste, was wir in Deutschland haben.

Laqua ist nicht in bester Laune. Ein Griechenland-Kurzurlaub war „nichts als Stress, ich musste zweimal umziehen“, sein Koffer ging verloren, ein Kollege nervt mit überflüssigen Emails, seine Buchführung liegt auf Halde und die Druckerei hat seinen neuen Katalog nicht zum Wochenende fertig bekommen. „Nur Chaos, nur Fehlinformationen. Ich sitze hier wie ein Idiot.“

Carsten, was für eine Entwicklung hast du im Originale-Handel erlebt?

Über viele Jahrzehnte ist der Markt nur durch Leidenschaft bestimmt worden, durch Fans und Sammler. Die Preise waren moderat, doch dann stiegen sie an und es entwickelte sich eine Spirale, wo es irgendwann auch für Anleger interessant wurde. Es begann eine Jagd auf hochwertige oder seltene Comicoriginale, was die Preise weiter anheizte. Das ist eine ungesunde Entwicklung.
Mit manchen Sachen kann ich nicht mehr handeln: Wenn ich auf Verdacht eine Seite für 40.000 Euro kaufe und nicht loswerde, sitze ich auf totem Kapital. Ganze Sammlungen werden heute für Millionen gehandelt.
Bei Auktionen geht Kunst fast immer zu Höchstpreisen weg: Zwei Leute überbieten sich, und der Verrückteste hat es dann gekauft! Und diese Ausnahmepreise werden zu neuen, akzeptierten Marktpreisen. Wenn du einen Moebius für 3.000 gekauft hast und Moebius erzielt auf einer Auktion plötzlich 20.000, dann willst du auch 20.000 für deinen Moebius und nicht 5.000 oder 10.000. Hinzu kommt ein psychologischer Aspekt: Du gibst kein Geld aus, sondern hast eine Auktion ‚gewonnen‘.
Das vernebelt den Verstand.

Gutes Stichwort, jetzt geht es rüber zur Hausbar. Laqua verfügt über ein Ehrfurcht gebietendes Sortiment an Spirituosen. Ich bekomme einen exzellenten Rum eingeschenkt, den besten meines Lebens, und möchte wissen, was ihm noch Spaß macht.
Laqua lacht: „Eine gute Zigarre, ein guter Whisky, neulich war ‚Whisky-Herbst‘ in Berlin, da hab ich zwei grandiose Whiskys entdeckt. Ich kann jedem nur den 18-jährigen „Longrow“ empfehlen, wenn es aber ein Comic sein soll …“, er überlegt.

Genau. Welcher Künstler ist heiß im Moment? Für wen kannst du dich begeistern?

Für mich ist der deutsche Künstler Christoph Mueller was Besonderes, sowohl von der Form als auch vom Inhalt her. Mueller orientiert sich – wahrscheinlich kein Zufall – nicht am deutschen Markt, sondern am französischen und amerikanischen. Ich schätze, er wird noch international Erfolg haben. Ich vertrete ihn, weil er eine Qualität liefert, die ich hierzulande selten sehe. So ein Talent hätte es im Hamburger Fachbereich von Anke Feuchtenberger wohl nicht leicht. (lacht)

Mueller kommt ja aus einer völlig anderen Ecke, hat eine andere Herangehensweise an Comic.

Für mich ist das umgekehrt: Wer Comics zeichnen will, muss lernen, wie man eine Vase zeichnet, die auf dem Tisch steht – mit allen Schattierungen und Perspektiven. Dann muss derjenige ein Studium der Anatomie betreiben und muss wissen, welcher Muskel sich wie im menschlichen Körper bewegt. Danach sollte er zum Beispiel in einer Action-Szene die Verkürzungen im Raum funktionieren lassen können. Erst wenn ein Zeichner das alles klassisch beherrscht, kann er seinen eigenen Stil entwickeln.
Bei Anke Feuchtenberger, die sehr stilisiert arbeitet, pflegst du, so wirkt jedenfalls vieles, das von dort kommt, nur einen Stil, den du kultivierst und mit dem du leben musst. Diesen Leuten fehlt die Freiheit und Fähigkeit, einen Stil entwickeln zu können. Sie entwickeln ihren dann eher aus einem stark limitierten Spektrum heraus. Heraus kommt dann leider immer wieder zwangsweise Abstraktes und schlecht Gezeichnetes. Außerdem denkt jeder, der Comics machen will, rein vom Zeichnerischen her. Man vergisst oft, dass die Autoren der wichtigere Teil sind! Du findest genug gute Zeichner auf der Welt, aber nicht genug gute Autoren.
Keine Sau in Deutschland will Comics schreiben, weil jeder in die Fußstapfen von Böll treten und sich nicht in die Niederungen der Comics begeben will – das ist fatal! So entstehen massenhaft Graphic Novels, die keiner braucht.

Berlin-Schöneberg, Samstagnachmittag: Laqua entspannt mit drei Freunden beim Bundesliga-Schauen in  einer Zigarrenlounge. Auf  dem Flachbildschirm läuft das Spiel des Tages: Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach. Laqua ist Borussia-Fan, was er durch eine mitgebrachte Vereinsfahne dokumentiert.
Die Stimmung ist prächtig, denn am Vormittag ist sein Griechenland-Koffer angeliefert worden und nun putzt seine Mannschaft die Bayern unerwartet hoch mit 3:0 weg.

Welche Zigarren bevorzugst du eigentlich?

Ich rauche querbeet, es gibt genug gute Zigarren: Kuba, Nicaragua, Dominikanische Republik … Der Inhaber  hier hat eine Eigenmarke, von der ich eben eine geraucht habe. Dazu trinke ich einen schönen Whisky und vor Weihnachten gibt’s schon mal Zigarrenpunsch, den mach ich aber auch bei mir einmal im Jahr. Der Chef, der eigentlich ein Cocktail-Barmann ist, hat mir mal eins seiner Rezepte verraten.

Nein! Ein Punsch, in dem Zigarren schwimmen?

Vier Montecristo mache ich rein. Die werden ja wieder rausgefischt. Das schmeckt gut, das hat eine ganz dezente Note. Bester Punsch, den ich kenne, musst du mal probieren.

Die Runde fachsimpelt noch über Marzipanstollen, das Trainerkarussell, die Bundesliga-Tabelle, im Hintergrund läuft dezenter Bar-Jazz, anschließend geht es zum Essen beim Griechen.

Zurück zum Fußball: Du hast mal aktiv gespielt, stimmt das?

Ich habe 30 Jahre lang Fußball gespielt, angefangen bei einer tollen Straßenmannschaft bis hin zur Berliner Oberliga, da aber mehr im zweiten Glied. Das war schon Leistungssport.
Und als ich jung war, hat Borussia Mönchengladbach so Fußball gespielt wie man selber träumte, spielen zu können, daher war ich dann immer Fan von Mönchengladbach.
Die Opportunisten waren Bayern-Fans, weil Bayern Erfolg hatte, auch wenn sie langweilig spielten. Bei Gladbach war immer Himmel und Hölle, Auf und Ab, Triumph und Tragik, alles lag nah beieinander und sie haben viel aus wenig gemacht, mussten sich immer neu erfinden. Das prägt halt.

Du hast mir gesagt, du kommst nur noch selten zu Comiclektüre, dann aber ab und zu eine Barks-Geschichte. Liest du die auf Deutsch oder im Original?

Ich bin bekennender Erika-Fuchs-Gegner und lese auf Englisch. Ich finde den deutschen Humor eher spießig und diese Pseudo-Bildungsbürger-Zitate, naja, die wurden als Rechtfertigung eingeführt, damit Kinder das lesen durften. Mir kommt der amerikanische Humor von Barks im Original frecher und frischer vor.

Ah, dann bist du kein Donaldist …

Hör mir auf, die sind mir so in die Parade gefahren. Ich hab mit Helnwein 1994 die Ausstellung „Die Ente ist Mensch geworden“ vorbereitet, da gab es im DONALDIST einen Verriss, ehe die Ausstellung überhaupt eröffnet war. Etwas zu kritisieren, was es noch gar nicht zu sehen gibt, so was hätte sich nicht mal Goebbels getraut, das ist doch faschistoid!
Es gibt sicherlich nette und kompetente Donaldisten, aber für mich war diese Organisation damit gestorben. Wenn du etwas über Barks machst, was nicht von denen kommt, dann nimmst du ihnen ihr Spielzeug weg. Sie allein sind die Verwalter des Heiligen Grals und merken gar nicht, wie peinlich sie dabei teilweise sind.

Laqua ist auch ein Polterer mit deftigen Meinungen, das obige Zitat ist schon gekürzt und entschärft. „Das Schlimme ist, wie ernst diese Leute sich und ihr Hobby nehmen“; was er nicht verstehen könne, sind diese Absolutheitsansprüche.
Laqua erzählt von einer Comicdiskussion in seinem Büro, wo es zwischen ‚Wessis‘ und ‚Ossis‘ um MOSAIK und die Digedags gegangen sei. Die Ossis hätten die Digadags als weltbesten Comic hochgehalten.
Laqua habe dann mit einigen SPIRIT-Originalen dagegegehalten. Während die Wessis interessiert die Seiten studierten, hätten die Ossis „weitergelabert, ohne den Originalen überhaupt Beachtung zu schenken“!

Dann wird es eine Form der Verblendung.

Das hast du auch bei Wäscher-Fans, die Wäscher für den größten Künstler aller Zeiten halten. Mag aber auch ein typisch deutsches Phänomen sein, diese Verbissenheit und Grundsätzlichkeit. Woanders spüre ich mehr Leichtigkeit und vor allem Kompetenz. Wenn ich in San Diego die Gespräche belausche, steckt dort oft mehr Niveau und Fachwissen  dahinter. Dann merkst du auch: Deutschland ist letztlich Comic-Diaspora geblieben.

 

Berlin-Lankwitz, Sonntagvormittag: In Laquas Arbeitszimmer stehen vier stählerne Schubladenschränke voller Originale: Foster, Eisner, Manara, Don Rosa, Terry Moore, Jacovitti, Crepax …
Für mich ein Gefühl wie Weihnachten, dort hineinspähen und manches hervorholen und genauer inspizieren zu dürfen. Beredt erklärte Laqua, für wie unterschätzt er die Undergroundzeichner Gilbert Shelton und Bill Griffith halte („Hab ich zwar im Angebot, will ich aber eigentlich gar nicht verkaufen“).
Schaut man sich dazu Originale an, ist man unweigerlich verblüfft: Keine normale Reproduktion fängt die Finesse des echten Artworks ein. Shelton und Griffith wirken tatsächlich frischer und lebendiger, wenn man ihre Blätter in Händen hält.
Laqua ist ein Mensch, der sich an Details erfreuen kann. Er zeigt mir ein etwa DIN A4-großes Original von James Swinnerton auf fester Pappe, das seinerzeit ohne Umschlag per Post verschickt wurde, denn auf der Rückseite prangen noch Anschrift, Briefmarke und Poststempel!

Das ging damals noch! Durch die ganzen USA von der West- zur Ostküste einfach so ohne Umschlag verschickt. Hat der regelmäßig gemacht, ich hatte mehrere davon und hab jetzt mal eins behalten. Ist doch erstaunlich, oder? Da war die Welt noch in Ordnung, da hat die Post noch funktioniert. (lacht)

Wir blättern und eine hübsche, handkolorierte Originalseite mit Piraten auf einem Schiff landet obenauf.

Sagt dir Chris Scheuer was? Schon mal ein Original von ihm gesehen? Sein Stil ist nicht mehr angesagt, und der Typ ist menschlich völlig daneben, aber zeichnerisch kann der was, was man für unmöglich halten würde. Dieser Typ… macht… keine… Fehler. Ich habe diesen Menschen nie radieren sehen, korrigieren sehen, ich meine das zu hundert Prozent: Er macht keine Fehler!
[Wir betrachten das atemberaubende Original, es sind tatsächlich nirgends Korrekturen zu entdecken.]
Unfassbar. Rein vom Talent her der vielleicht begnadetste Zeichner, den ich je erlebt habe.

 

Es ist großartig, aber Chris Scheuer war nie so meins …

Meins auch nicht. Zu manieristisch, zu übertrieben, zu bunt, aber von der Technik her grandios. Die Seite war übrigens mal mir gewidmet, dann hab ich die Widmung ausradiert, es verkauft, das immer so ein bisschen bereut – und irgendwann fand die ihren Weg zurück zu mir, im Rahmen eines Sammlungsaufkaufs.
Jetzt steht noch „Krottendorf, 3. 8. ‚93“ drauf, da hab ich ihn mal besucht, in seinem Haus bei Graz, hatten wir eine schöne Zeit. Chris hatte ein Grundstück auf dem Berg, da konnte keiner reinblicken. Da hab ich die größte Hanfpflanze gesehen, die ich je gesehen hab. Du hättest drei Mann gebraucht, um die zu umfassen. Aber was ich sagen wollte: Wenn du so jemanden zeichnen siehst, da fällst du vom Glauben ab.

Haben wir für unsere Leser ein paar Sensationen parat? Den besten Verkauf, das größte Schnäppchen?

Ich hole mal aus und gehe zurück in die Achtzigerjahre: Da gab es die Diskrepanz für Barks-Originale auf dem US-Markt und in Europa. In Amerika waren die bunten Aquarelle gefragt, in Europa das zentrale Werk, nämlich seine getuschten Comicseiten. Ich war damals Student und konnte relativ günstig einige Male in Amerika aus einem Fundus von Seiten schöpfen – vornehmlich solche aus den Sechzigerjahren –, die ich für wenige Tausend Dollar aufkaufen konnte. Hier habe ich die dann für viele, viele Tausend Mark verkaufen können. Für mich als Student war das sagenhaft, wenn ich pro Seite 2.000 Mark verdient hatte. Von 1.000 Mark im Monat hab ich locker leben können.

Das war sozusagen der Grundstein deines Handels?

Einer, ja, das waren über Jahre hinweg sehr lukrative Geschäfte. Mitte der Achtzigerjahre habe ich, und das ist eine Ausnahme, bitte betonen, habe ich ein Barks-Manuskript für circa 4.000 Mark gekauft und für 10.000 verkauft.
Ich erinnere mich, wie es abends um neun an der Türe klingelte, und dann hieß es: „Der Geldbriefträger ist da“.
Ich dachte erst, da verarscht mich einer, aber da stand zu später Stunde der Geldbriefträger und überreichte mir einen Umschlag, verschlossen mit Schnur und Siegelwachs, wie im Mittelalter. Drin waren zehn Eintausendmarkscheine, aufgefächert und nagelneu von der Bank. Von dem Geld habe ich meine sechswöchige USA-Reise finanziert.
Die meisten Originale habe ich wahrscheinlich von Ernie Chan verkauft, der hat in erster Linie CONAN gezeichnet. Von dem habe ich an die 1.100 Seiten verkauft. Den habe ich zu Hause bei San Francisco besucht und stapelweise Seiten mitgenommen. Superbillig gekauft und mit schönem Gewinn, aber immer noch im Billigbereich, verkauft. Das war ein tolles Geschäft.
Und richtig schöne Gewinne waren die PRAVDA-Seiten von Guy Peellaert, die vom Künstler selbst nach Deutschland gelangt waren. Da hab ich ein Drittel des Albums verkauft, mehr als sonst im Rest der Welt aufgetaucht sind. Das hat Dinge mitfinanziert, die eher zäh laufen… und den ein oder anderen guten Whisky konnte ich mir davon auch noch kaufen. Aber so etwas passiert einem alle zehn Jahre mal. Von solchen Geschichten zehrt jeder Händler im Antiquariatsbereich.

Inzwischen ist es Nachmittag. Laqua lädt mich ein mitzukommen: Er will einen Freund besuchen, der auf einem Straßenfest im Westen von Berlin, in Teltow, selbst hergestellten Honig verkauft. Eine Beobachtung am Rande: Carsten Laqua ist kein Mensch, der am Telefon lebt.

Ich hätte erwartet, dich öfters am Handy zu sehen.

Das ist den modernen Medien geschuldet. Mein Geschäft läuft zu 99 Prozent über Internet und Email. Was ich sehr angenehm finde, ich will ja nicht dauernd irgendwas notieren müssen. Schön, wenn alles schwarz auf weiß hin- und herläuft. Du kannst es ausdrucken, abheften für die Buchführung, super, I love it.

Der Name Laqua ist ja cool. Woher kommt er?

Wird es jetzt personenkultig? Der Name ist italienischen Ursprungs. Die Laquas waren eine Bäckerdynastie aus Udine, die irgendwann nach Preußen gelockt wurden und später eine große Bäckerei in Schlesien hatten. Dass mein Geschäft „Galerie Laqua“ heißt, gründet nicht in meinem übersteigerten Ego, sondern daher, dass 1981 die Gründung einer GbR formaljuristisch die Führung des Namens im Titel der Firma verlangte. Ich hätte mich also nicht „Cartoon Carnival“ oder „Graphic Collectibles“ nennen dürfen.

Berlin-Teltow, das Straßenfest. Der Freund mit dem Honig, Bernd, steht verloren in der abgelegensten Ecke der Veranstaltung.
Während 300 Meter weiter das Volksfest tobt, stehen sich die Imker mit einigen Selbsthilfegrupplern und der Deutschen Rheumaliga die Beine in den Bauch.
Laqua beschreibt ihm die Situation eindringlich, rät zu besseren Standortverhandlungen beim nächsten Mal – und kauft dann gleich eine ganze Lage Honiggläser.
Auf der Weiterfahrt
erzähle ich Laqua, dass ich eine Originalseite Westerncomic von Arturo del Castillo von einem Sammler in Krefeld gekauft habe und zeige sie ihm auf dem Smartphone. Sofort erkennt Laqua, dass sie mal in seinen Händen war. Alle Wege führen zu Laqua?

Wie kommst du eigentlich ran an Originale?

Auf vielen Wegen: Zeichner, Verleger, Verwandte, Sammler, Kollegen. Man muss viel rumfahren auf Messen und Festivals, zum Beispiel San Diego, Lucca und und und.

Was findet man denn in Lucca?

Für mich war Italien ganz spannend. Ich kann da eine Geschichte erzählen, wie Sammler, die direkt beim Künstler kaufen, für Preissteigerungen verantwortlich sind.
Ich war in den Neunzigerjahren derjenige, der in Lucca die Disney-Originale eingekauft hat. Die sind für den deutschen Markt ja wichtig wegen der LUSTIGEN TASCHENBÜCHER, die voller italienischem Material sind.
Ich habe dort Originale eingekauft und hier mit fairem Gewinn verkauft.
Das hat lange super funktioniert, weil die Italiener wussten: „Da kommt wieder der Deutsche, dem können wir unser Zeug andrehen“. Die hatten keine große Nachfrage, ich bekam gute Preise und war ein beliebter Kunde.
Irgendwann kamen die deutschen Sammler, sind ja nicht dumm, auf die Idee, direkt in Italien einzukaufen und mich, den Mittelsmann, zu umgehen. Das schlug ins Gegenteil um!
Plötzlich kamen da ein halbes Dutzend Direktkäufer und die Italiener bemerkten die Nachfrage. Da haben sie die Preise raufgesetzt, und zwar dramatisch. Manchmal ist der Händler die bessere Quelle für die Kunden als die eigentliche Quelle.

Der Händler als Preisbremse.

Da gibt es irre Phänomene. Zeichner leben gerne in einer Blase, haben nur Freunde und ihre Lebensgefährtin um sich herum, die ihm sagen, er sei der Größte.
Der Händler vertritt den Zeichner professionell und kann seine Arbeit ohne emotionale Aufladung tun. Ich habe es oft erlebt, dass der Händler die viel bessere Quelle als der emotional aufgeladene Produzent ist. Da kommen ganz spannende Aspekte ins Spiel.
Krasses Beispiel ist ja Tom, der „Touché“-Zeichner von der „taz“. Der hatte zu seiner Hochzeit weit über 5.000 Strip-Originale zu Hause, mochte sich aber von keinem trennen. Ich sag: „Behalt doch deine Lieblinge und lass mich den Rest anbieten“, aber nichts zu machen. Da kannst du dir nur an den Kopf fassen.

Sonntagnachmittag, Potsdam. Laqua chauffiert mich, den Touristen, zum Schloss Sanssouci, wo ich noch nie war („Ist nur eine halbe Stunde weit weg“). Ich bekomme eine Führung durch den Park und soll das Grab Friedrichs des Großen finden.
Auf gut Glück deute ich in die östliche Ecke und habe richtig geraten. Eine schlichte Grabplatte im Rasen, flankiert von den Gräbern seiner geliebten Hunde. Auf dem Grab liegen Kartoffeln.

 

Ich habe das Gefühl, es durchströmt dich ein gewisser Lokalpatriotismus.
Die Art, wie du über die verflossene Größe von Berlin redest …

Es ist eine traurige Geschichte verpasster Gelegenheiten. Berlin war kulturell, wirtschaftlich und technisch DIE Metropole auf der Erde – vor diesem unsäglichen „Schlenker“ ins Dritte Reich. Was hier alles an Erfindungen und Innovationen entstand, ist unfassbar. Der Computer ist hier erfunden worden, Radio, Fernsehen so halb, Telefon teilweise, selbst die Mondlandung der Amis beruht auf Erfindungen aus Berlin. Auch kulturell eine boomende Stadt, traurig, dass sich das nicht weiterentwickeln durfte.
Ich unterscheide aber generell zwischen natürlichem und aufgesetztem Patriotismus. Wenn man in Köln wohnt, kann man nur aufgesetzten Patriotismus leben, weil der ja unbegründet ist. Ich dagegen bin am besten Ort der Welt schon geboren worden. (lacht)

Danke für die schöne Spitze gegen meine Heimat! Ich merke, du redest lieber über Comics. Bist du der globale Walt-Kelly-Fachmann?

Nein, ich kenne in den USA Leute, die sich länger mit Walt Kelly beschäftigen als ich. Es gibt nicht den einen Walt-Kelly-Fachmann.

Du hast schon eine Vorliebe für Funnies, kann das sein?

Das Tolle an Funnies ist, dass man in ihnen einen comictypischen Humor ausdrücken kann. Die Verbindung von Wort und Bild ermöglicht im Funny höchst eigenständige Kreationen. Bei Abenteuergeschichten, um mal einen Gegenpol zu nennen, kannst du nicht so Außergewöhnliches leisten. Ob BLUEBERRY oder PRINZ EISENHERZ, es geht um Kampf, und nur die zeitbedingt verwendeten Waffen erlauben eine Unterscheidung des Genres. Im Funny geht es eigentümlicher zu!

Wer sind denn noch deine Lieblingszeichner? Wir hatten schon Bill Griffith, Carl Barks, Jacovitti, Gilbert Shelton …

Jacques Tardi ist noch einer meiner Lieblinge, auch weil er sich gute Stoffe sucht, es geht ja nicht nur ums Zeichnen.

Hast du persönlich Künstler zunächst nicht gemocht, dann aber doch für dich entdeckt?

Spontan fallen mir die Brüder Hernandez ein, LOVE AND ROCKETS. Erst dachte ich: Naja, das ist so’ne Pseudokunstkacke, auf Möchtegern-Bedeutung getrimmt mit Sozialkritik und so … bis ich merkte, dass es die liebevolle und detaillierte Beschreibung eines bestimmten Milieus ist, und der Strich passt auch dazu.

Montagmorgen, wieder Berlin-Lankwitz, bei Laqua zu Hause: Der Galerist fühlt eine Erkältung heraufziehen, jetzt kann er den Honig gut brauchen. Laqua isst zwei Löffel, wirft Aspirin Complex ein, ich schalte ein letztes Mal den Rekorder ein.

Du beschäftigst dich jetzt so lange mit Originalen. Sind Comics nicht doch mehr Kunst als Droge?

Mich treibt die Frage um, wie Originale Comics im Kulturbetrieb repräsentieren, und je mehr ich drüber nachdenke, komme ich zum Schluss, dass Comics keine Kunst sind. Comics können  auch niemals Kunst sein.
Ich finde es merkwürdig, dass Leute, die Comics mögen, es als ihr höchstes Ziel betrachten, dass Comics als Kunst anerkannt werden. Ich halte das für einen grundlegenden Irrtum. Denn Kunst ist ein willkürlicher Begriff des Bildungsbürgertums, der entstanden ist, als künstlerisches Handwerk sich abkoppelte von einer Nutzung.
Also Kunst bestand ganz früher mal darin, einen Raum zu verschönern oder eine Vase zu gestalten. Als die Menschen genug produzierten und freie Kapazitäten hatte, begann man, Dinge nur der Kunst halber, l’art pour l’art, herzustellen. Man hängte Bilder an die Wand und noch später nicht mal mehr das, siehe Dadaismus, wo alles aufgebrochen wurde.

Kunst beinhaltet nicht automatisch Qualität!

Kunst kann etwas Grandioses sein, wo jeder staunend davor steht, Kunst kann auch bloß eine nette Idee sein oder eine weniger nette, eine provokante Idee, wo handwerklich nichts mehr dahinterstecken muss. Bei Marcel Duchamp sehen wir null handwerkliche Leistung, das kann ja jeder Fünftklässler mit einem Schraubenzieher. Natürlich hatte Duchamp eine Idee und wollte Sichtweisen in Frage stellen; hier besteht die Kunst in der Idee.
Auch wenn wir in Comics eine künstlerische Qualität sehen, dürfen wir Comics nicht mit Kunst verwechseln. Comics werden nicht als Kunst produziert, sondern als Literatur zur Reproduktion. Damit kann ein Comic per Definition keine Kunst sein, denn ein Comicoriginal ist nie produziert worden, um an der Wand oder im Museum zu hängen, sondern als Teil einer Geschichte und um für einen mehr oder weniger großen Massenmarkt reproduziert zu werden. Schon vom Zweck des Originals her kann ein Comicoriginal nie Kunst sein.


[Im Abdruck des Gesprächs in der COMIXENE Nr. 129 führt Laqua diesen Gedanken noch weiter aus. Bei Interesse besorgen Sie sich diese Ausgabe, erscheint Ende November 2018.]

Die Online-Präsenz der Galerie Laqua finden Sie HIER im Netz.
Die leider gestalterisch schon veraltete Webseite lässt sich allerdings weiterhin auf viele Kriterien durchsuchen: Originale, Zeichentrick-Folien, das Comicantiquariat, Jugendzeitschriften, Sekundärliteratur etc.

 

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