EXPEDITION MITTELALTER im Museum Schnütgen

Die Kunst des Mittelalters ist doch Ramsch. Öder Kram, der im Wohnzimmer meiner Oma verstaubte: doofe Heilige und langweilige Gemälde (Nachbildungen natürlich!). Ja, so kommt es mir auf den ersten Blick vor. Ich halte den Streckenrekord für die Durchquerung von Ausstellungen des Altertums, denn ich schreite im Eiltempo durch die meisten Museen!

Was hält mich auf? Was lässt mich verweilen? Ein Comic natürlich!

Die noch bis 28. Januar in Köln zu sehende Schau „Expedition Mittelalter“ wartet mit einem Begleitheft auf, das der Zeichner Ralf Marczinczik aufwendig gestaltet hat. (Wenn Sie auf der Webseite des Museums etwas scrollen, entdecken Sie ein Video, in dem er seine Arbeit erklärt.)

Im Eintritt inbegriffen ist ein überformatiger 20-Seiten-Farbcomic, der uns 500 Jahre in die Zeit zurückreisen lässt und von einem Flirt zwischen einem Handwerksgesellen und einer angehenden Nonne erzählt. 1515 bessert Jacob in St. Cäcilien Türen und Kunstwerke aus, wobei er die junge Brid kennenlernt, die ihm vom Leben im Kloster berichtet.
„Kristall und Rauch“ heißt diese „grafische Novelle“, die flüssig, leichthändig und äußerst hübsch anzusehen reale Ausstellungsstücke in seine Seiten integriert.

In diese Seite eingearbeitet sind der Taufstein (das Becken zwischen Jacob und Brid) sowie die Christophorus-Statue.

(Man soll auch an sechs Stellen leere Panels ‚interaktiv‘ mit Stempeln versehen, kolorieren, ausmalen oder Bilder frottieren, doch der detektivische Spaß besteht darin, die im Comic ‚versteckten‘ Kunstwerke aus der Ausstellung aufzuspüren.)

Und so wandere ich länger als sonst durch diese Schau. Eine Leseabteilung (der Workshopraum) hinter dem ersten Saal lädt zum Verweilen ein, es liegen sogar weitere Comicalben zur Lektüre aus (u.a. RAMIRO von Splitter)!

Knallrote Podeste sind als „Comic Station“ ausgewiesen und fordern zur Beschäftigung mit dem Heft auf. Mittendrin im Herzen der Expedition ist eine „Filmkammer“ verborgen, wo per Beamer eine Art mittelalterlicher Trickfilm mit grotesken Illustrationen abgespielt wird. Sehr cool, unbedingt fünf Minuten setzen und betrachten:

Natürlich begrüßen uns in dem Dutzend Räume etliche doofe Heilige und langweilige Gemälde, aber dank des Comics intensiviert sich mein Blick. Ich spähe, suche im Comic, finde einen Gegenstand, freue mich und bekomme zugleich einen Kontext geliefert.
Hier hängt jenes Bild, dort steht jenes Kreuz, dazu diente die Skulptur des „Wilden Mannes“. Aha-Erlebnisse zuhauf, wie es in einem Museum sein sollte.

Das Museum Schnütgen hat für seine „Expedition Mittelalter“ zwar ‚nur‘ vergessene Exponate aus dem Keller gekramt. Dass darunter allerdings echte Schätze sind, hat mir der Comic nahegebracht. Eine irre Arbeit, die sich Marczinczik da gemacht hat. Eine begrüßenswerte Courage seitens der Ausstellungsleitung, vorgestrige Kunst so modern zur präsentieren. Bei mir hat’s funktioniert.
(Auf der Vernissage im Oktober erlebte man einen surrealen Anblick: Hunderte verknöcherte Altertumsfreunde und Museumsförderer mit einen Comicheft unterm Arm!)

Bonbon zum Schluss: Sehr gelacht habe ich über folgendes Arrangement von Kelchen – das hamse doch aus „Jäger des verlorenen Schatzes“ abgeguckt. Schaunsemal hier.

Finden SIE den Heiligen Gral? Indiana Jones wüsste, welchen Becher er sich schnappt!

 

Also: Spaß macht es auch, für kleines Geld. Begleitend gibt es jede Menge Workshops, einige davon noch zugänglich (Infos s. Webseite des Museums).

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