Enki Bilals „Nikopol-Trilogie“

Der französische Zeichner, der seine Kindheit in Belgrad verbrachte, ist ein Phänomen. Bilal ist nicht nur Zeichner/Maler, sondern auch Kostümdesigner und Filmemacher – und der wohl teuerst gehandelte Comicillustrator seiner Generation.
Sammler flippen über seinem Artwork aus und zahlen beinahe jeden Preis.
(Ich erzähle immer gerne, wie fassungslos ich war, als ich eine läppische Bilal-Skizze für 70.000 Euro bei Sotheby’s Paris laufen sah.)

Das Artwork von Bilal ist dank seiner prallen Farben und des dicken, imposanten Strichs ein Hingucker.
Dieser Maler tänzelt auf der Grenze zur bildenden Kunst, das macht ihn besonders, aber leider auch anfällig für ein Primat des Malerischen, sag ich mal.

Ich persönlich finde, den Mann hat es schon vor 20 Jahren aus der ‚Comickurve‘ getragen. Er macht seitdem nur noch ‚Kunscht‘, keine Comics mehr. Seine Panels geraten öfter zu illustrativen, großformatigen Malereien in Direktkolorierung, die sich nicht mehr auf Geschichten zu fokussieren scheinen.

Na, hier tue ich ihm wahrscheinlich Unrecht, aber sein jüngst erschienenes Album BUG habe ich kurz aufgeschlagen, schnell wieder zugeschlagen: Sein Stil ist verwaschener als früher (der Meister tuscht nicht mehr, sondern arbeitet nur mit Bleistift, was seiner Grafik sämtliche Schärfe nimmt), die Farben düsterer, das wirkt schrecklich ernst – und schreckt mich ab. Mich beschleicht der Verdacht, Bilal hat seine Ironie verloren, aber dazu später mehr …

Aber Bilals Frühwerk ist hochinteressant und faszinierend. Als er in Deutschland 1981 in Häppchen mit EXTERMINATOR 17 in „Schwermetall“ veröffentlicht wurde, dachte ich: „Na, da macht aber einer schwer auf Moebius!

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN: Gott Horus verklickert Nikopol. was Sache ist. (Zur Bebilderung habe ich diesmal Seiten fotografiert, weil ich den schicken Band nicht unnötig auf meinem A4-Scanner zerknautschen wollte. Ist zwar schief, kommt aber in tauglicher Schärfe rüber …)

 

Die Sujets waren die von Moebius, manch grafische Marotte auch,  bis hin zur Ausgestaltung außerirdischer Wesen und fremder Geometrien. Und doch war es zu gut und zu eigen, um Kopie zu sein.
Schnell hat sich Bilal auch freigeschwommen vom übermächtigen Vorbild, nach EXTERMINATOR 17 (1978) kamen DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN (1980), dies übrigens Teil 1 der „Nikopol-Trilogie“, sowie 1983 das Album TREIBJAGD.

TREIBJAGD (nach einem Szenario von Pierre Christin) ist eine in winterlicher Atmosphäre inszenierte politische Intrige unter Sowjetfunktionären. Einer der besten Politcomics aller Zeiten – und mit Sicherheit der schönste!

Der Carlsen-Verlag (nimmermüde in der Neuauflage von Klassikern) hat diesen Herbst die „Nikopol-Trilogie“ unter dem Titel ALEXANER NIKOPOL für 40 Euro auf den Markt geworfen. Ich hab mir den Band gekauft, weil ich seinerzeit nie über den ersten Teil hinausgekommen bin!

Wertiges Hardcover, Hochglanz, strahlende Farben überzeugen; allerdings hätte ich mir für das Geld zumindest eine editorische Notiz noch erwartet, die mir verrät, was sie für die Ausgabe neu gemacht haben (Übersetzung? Lettering?). Eine Listung von Bilals Werken samt Veröffentlichungsdaten wäre auch schön gewesen …

Also tauche ich nun ein in die komplette Trilogie und führe mir nochmals Teil 1 von 1980 zu Gemüte:

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN

 

ist ein höchst verschrobener (und darum origineller!) Science Fiction-Stoff: Über dem Paris des Jahres 2023 schwebt eine Pyramide mit ägyptischen Göttern, die vom faschistischen Präsidenten der Stadt Treibstoff verlangen. Dieser, ein Herr Weißkohl, denkt gar nicht daran, sondern möchte nur seine Wiederwahl sichern.
Der abtrünnige Gott Horus will hingegen selber an die Macht und bedient sich dazu eines menschlichen Vehikels: Alexander Nikopol ist ein Sträfling aus dem Jahr 1990, frisch aufgetaut aus Kälteschlaf-Verbannung, der gegen Weißkohl in Stellung gebracht wird.

So verrückt war Bilal 1980: Der durchgeknallte Papst möchte levitieren und sich dabei von Engelswesen umflattern lassen (Spoiler: Das geht später gründlich schief!).

 

Mehr verrate ich nicht, nur so viel, dass dieser Comic seine Leser ohne Erklärungen mitten in ein merkwürdiges Geschehen und eine eigentümliche Welt stürzt (so was hat man 1980 noch kaum gewagt, wenn überhaupt; Bilal hier womöglich ein Pionier der Narration?!).

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN erfreut mich noch heute mit einer Unzahl memorabler Bilder, Szenen und Einfälle, wie zum Beispiel: der Look  der herrschenden Klasse, die alle wie Mitglieder der Rockband „Kiss“ geschminkt sind.
Die ägyptischen Götter mit ihren Tierköpfen auf Menschenkörpern. Der von Engelstierchen umflatterte Technopapst. Die telepathische, grün-weiß gestreifte Katze, die am Ende eine Zeitung herausbringt.
Horus, der Nikopol eine Eisenbahnschiene für sein abgerissenes Bein anoperiert. Das blutige Eishockey-Match. Die Landung des Roboters an der Pyramide … und und und.

Die skurrile Operation mit der Beinprothese; im Hintergrund gehen die sieben Zwerge zur Arbeit.

 

Teil 1 dieser Trilogie ist immer noch klasse, ein intelligenter Science Fiction-Comic jenseits aller Formeln. Staunenswert. Jetzt habe ich ein wenig Angst, wie’s weitergeht.
Denn Teil 2 und 3 der „Nikopol-Trilogie“, die Alben DIE FRAU IN DER ZUKUNFT und ÄQUATORKÄLTE, stammen aus den späteren Jahren 1986 bzw. 1993 und tendieren schon in die illustrativ-künstlerische Richtung, von der DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN (Teil 1) noch völlig unbeleckt ist.

Diese Seite zeige ich noch der herrlichen Gesichtsbemalungen wegen. Beim blutigen Eishockey-Match explodiert der Sitz des Verschwörers, nicht der des Präsidenten Weißkohl (der Mann mit der Glatze).

 

Da ist also, wenn man so will, ein ‚Sprung‘ in der Trilogie, die Geschichten bauen nicht konsistent aufeinander auf. Aber der Meister erklärt im Vorwort mit einer gewissen Flapsigkeit, er habe sich „frei in der Erzählweise, frei von Beschränkungen der Rationalität“ gefühlt. Oh-oh. Da schrillen meine Alarmglocken. Es kommt aber nicht so schlimm …

DIE FRAU IN DER ZUKUNFT

 

beschert uns ein Wiedersehen mit Nikopol, der beherzt ins Geschehen eingreift – und auch mit dem verbannten Gott Horus, der seinem Exil entkommen kann. Eigentlich aber geht es um Jill Bioskop, die frappant weißhäutige Frau mit den blauen Haaren.

 

Spielten in DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN Frauen keine Rolle (sie sind im weißkohlschen Patriarchat in Gebärkliniken eingesperrt), so widmet Bilal den zweiten Band seiner Protagonistin Jill. Die ist Journalistin und versucht, über den gewaltsamen Tod ihres Liebhabers John hinwegzukommen. Dazu bedient sie sich einer Vergessens-Droge, die jedoch Nebenwirkungen fantastischer Art zu haben scheint:
Jill reist in einer Art Geheimauftrag von London nach Berlin (Bilal kennt sich aus in Berlin, hat ein Portfolio über die Mauer gezeichnet!) und soll über die Landung eines Raumschiffs berichten. Damit trifft jedoch der entflohene Horus ein, dem Nikopol auf den Fersen ist (dank des telepathischen Katers Gogol, auch mit dabei!). Alle vier verabschieden sich am Schluss in einen gemeinsamen Urlaub nach Ägypten!

DIE FRAU IN DER ZUKUNFT: Jill in Berlin.

 

Auch im zweiten Teil gelingt Bilal eine herrlich triste Zukunftswelt in strahlendem Grau (ist wie das Winterwetter in Köln, ehrlich), das entschädigt für einiges, auch wenn die Handlung wenig Sinn ergibt. Dennoch läuft sie flüssig. Kryptisch, aber flüssig.
Zudem jongliert der Zeichner gut gelaunt mit seinen Versatzstücken und Manierismen aus Teil 1: zerfallene Architektur, stumm herumblickende Passanten, stumme Action (Bilal nutzt keine Soundwörter, die würden auch seine Komposition stören), trostlose Zimmer, dekoratives Blut.

 

Horus nimmt Kontakt zu Jill auf, meckert aber erst mal über den Wein.

 

Ich bin mir nicht sicher, als wie sexistisch man die Darstellung der Jill werten muss. Sie verhält sich relativ passiv (was dem Thema ‚Trauma und Drogen‘ geschuldet sein mag), wird allerdings oft halbnackt in Szene gesetzt.
Schauen wir mal, was Teil 3 bringt:

ÄQUATORKÄLTE!

 

9 Jahre später ist Nikopol junior, der in Teil 1 und 2 kurz auftritt, nun die Hauptfigur. Er ist gleich alt wie sein Vater (der im Kältekoma jung blieb) und schaut aus wie dessen Zwilling. Es drohen Verwechslungen (die passieren auch zum Schluss), doch erst einmal ist Junior auf der Suche nach Nikopol, der mit Horus nach Zentralafrika geflohen ist.

Hier, in Äquatorcity, bereiten sich die beiden auf den Weltmeisterkampf im Schachboxen vor. Gegner ist der Supermensch Johnelvis Johnelvisson, der Junior seine neue Flamme Jelena ausspannen will.
Jelena ist die nichtweißhäutige, nichtblauhaarige Wiedergängerin von Jill, die im dritten Teil nur am Rande vorkommt. Die ist nämlich abgetaucht, nachdem sie ein nichtmenschliches Kind geboren hat. Sie will im Untergrund einen Film über ihr Leben zu Ende schneiden.
(In Teil 3 also erleben wir sie als unabhängige, alleinerziehende und voll bekleidete Frau und Mutter, die weiß was sie will.)

Schachboxer Nikopol hat sogar Schachboxer-Boxhandschuhe (und träumt von seiner verflossenen Jill).

 

Auch die Götter sind wieder mit von der Partie und schweben mit ihrer Pyramide über der Stadt.
Am Ende kommt es zum Zusammentreffen von Vater und Sohn, zum Showdown zwischen Horus und Anubis und zum Start einer neuen Kälteschlaf-Rakete

ÄQUATORKÄLTE hat eine Handlung, doch ist die in diesem Teil wesentlich verspielter und bedeutungsloser als in den Vorgängergeschichten. Bilal macht sich einen Spaß, den Nikopol-‚Sack‘ auf seine Weise zuzumachen. Er löst das intelligent und beinahe gewaltfrei – und mit jeder Menge Ironie.

Horus und Anubis geben die Nikopols frei. Afrikanische Wirtschaftsbosse schauen dem Treiben zu.

 

Da rattern Züge durch Afrika, nur besetzt mit Tieren aller Arten, die jedoch geistesbegabt zu sein scheinen, denn Nikopol junior betrinkt sich mit ihnen an der Zugbar.
Da dreht ein Regisseur einen B-Movie über Jills Leben (Meta-Thema), von dem wir ab und zu Szenen zu sehen bekommen.
Da verlesen die Götter Horus eine Anklageschrift mit 999 Punkten, versöhnen sich aber mittendrin wieder mit ihm.
Da müssen die Nikopols in absurden Tierfell-Klamotten herumlaufen (Giraffe, Zebra) und der Senior darf wieder seiner Lust an Baudelaire-Zitaten frönen.
Da werden andauernd irgendwelche Werte auf irgendwelchen Nonsens-Skalen proklamiert, die die Sucht des modernen Menschen nach Halt gebenden Fakten parodieren.

Nikopol junior hat Stress auf der Bahn.

 

Und, Entschuldigung: Schachboxen?! Hier macht sich Bilal offensichtlich lustig über diese reale Sportart, die er mit grotesk verpflasterten Kämpfern schildert.

 

(Und hier kommt noch der Knock-out: Schauen sie mal auf Wikipedia unter „Schachboxen“ nach; scrollen sie runter zur Überschrift „Geschichte“ …)

Vielleicht sollte man Bilal als großen Ironiker lesen.

 

Im (vordergründig dominanten) grafischen Künstler steckt ein Satiriker, der sich auf vielerlei Arten subtil lustig macht über Moden, Ideologien, Verhaltensnormen, die Presse, Politik und Technik.

Diese Trilogie (entstanden über einen Zeitraum von 13 Jahren) ist wirklich spinnert im besten Sinne, sie ist mir sympathisch und entlässt mich mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sind meine Haare schon blau?!

 

And finally for something not so completely different …

 

BUG. Sein oben bereits erwähntes jüngstes Werk.
Ich hab den Carlsen Verlag informiert, dass ich was über NIKOPOL schreibe. Ob ich BUG noch mitbesprechen soll, wenn sie mir ein Pressexemplar stiften. Hamse gemacht, dankeschön.
Den Look habe ich ja oben schon abgehandelt, aber wat is mit die Handlung und mit die Ironie?!

BUG wirkt lustigerweise wie ein ernsteres Remake/ Relaunch der Nikopol-Trilogie, Bilal groovt sich wieder auf seine Themen von vor fast 30 Jahren ein.
Wieder gelangt ein Raumfahrer zurück auf die Erde und wieder ist er Spielball nichtmenschlicher Mächte: Kameron Obb hat sich im All einen „Bug“ gefangen, auf seiner Halswirbelsäule setzt sich ein daumengroßer Alien fest. Dieser speichert offenbar das gesamte Wissen der Menschheit, das er an Obb ‚ausspielen‘ kann.
Zugleich trifft die Erde ein kompletter Datenverlust, alle digitalen Systeme versagen und löschen sich.

Das resultiert in einer Jagd nach Obb, der „lebenden Festplatte“. Amerikaner, Islamisten, Nordkoreaner, die Chinesen, der Konzern Lifedust One, die Mafia – sie alle wollen Obb in ihre Finger kriegen und sein Wissen für sich ausbeuten.
Bilal hat hier wieder Gelegenheit, die unterschiedlichen Fraktionen zu porträtieren (deren Kostüme allerdings langweilig zeitgemäß wirken); BUG spielt auch in einer näheren Zukunft (2041) als seinerzeit die Nikopol-Abenteuer.
(Also relativ betrachtet von Schöpfung des Comics bis zum Ansetzen der Handlung.)

Die liebenswerten Clownerien aus NIKOPOL sucht man in BUG vergeblich. Bilal gleicht das aus mit einem irren jungen Mann, der hinter Obbs Tochter Gemma her ist und dabei das Morden nicht vergisst (der halbdigitale Mensch ist beim Datenverlust wahnsinnig geworden). Sehr dezent baut Bilal noch Seitenhiebe auf eine Gesellschaft ein, die ihre digitale Mitte verloren hat.

Seine Ironie transportiert sich  allerdings weniger im Plot, als in eingestreuten Einzelbildern: Prominente, die in der Luft schweben bleiben; Zeitungen, die mit Rechtschreibfehlern gespickt wieder analog im Print erscheinen; ein Islamist mit Langschwert vor dem Flatscreen.

Die Story ist alles andere als schlecht, doch insgesamt fehlt es BUG an Schwung. Wer NIKOPOL kennt, sieht in BUG wahrscheinlich nur den Abklatsch.

Dennoch gute Nachricht: Bilal macht wieder ein Fass auf. Das fühlt sich an wie eine neue Triologie. Der Meister jongliert mit schweren Keulen: der mysteriöse Mr. Obb und sein Begleiter (Bug-leiter, hoho), Tochter Gemma und ihr Stalker, seine Exfrau und der allmächtige Konzern (in dessen Diensten Obb eigentlich steht), die politischen Reibereien der neuen Weltmächte.

Das kann noch was werden! Wenn auch ein schwerer Comic für unsere schwere Zeit. (Carlsen-Leseprobe zu BUG hier einsehbar.)

Wer noch was sehen möchte: Es gibt einen älteren YouTube-Clip vom Bildungskanal Alpha, der Bilal und sein Werk (DIE MAUER / TREIBJAGD / NIKOPOL Teil 2: DIE FRAU IN DER ZUKUNFT) auf 13 Minuten vorstellt.

 

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