Der große Indienschwindel

Hossa! Heißer Anwärter auf den Titel „Comic des Jahres“. Allerhand. DER GROSSE INDIENSCHWINDEL hat es tatsächlich in sich.

Ich weiß gar nicht, wo ich zu schwärmen anfangen soll.
Dialoge, Timing und Flow dieses Werks sind superb. Die Dramaturgie ist kunstvoll verwoben und schlägt überraschende Haken, die mich genussvoll miträtseln lassen.
Die Zeichnungen sind ironisch distanziert und mitreißend zugleich, das Layout exquisit komponiert. Das Konzept ist tadellos durchdacht und greift auf erfrischende Weise auf schon etablierte Motive zurück. Die Perspektive der Erzählung wechselt von Kapitel zu Kapitel und bleibt doch dieselbe (aber ich verrate schon zu viel).

Don Pablos schlägt sich durch die Anden, ernährt nur von Cocablättern. Ist das ratsam? — (Alle Abbildungen in diesem Artikel sind aus dem Buch abfotografiert.)

 

DER GROSSE INDIENSCHWINDEL ist ein perfekter Comic. Applaus.

Beginnen wir mal damit, dass das Vorwort in keinster Weise fiktiv, sondern Fakt ist. Ich darf Sie zur Überprüfung bitten, diesen Artikel auf Wikipedia aufzurufen.

Schelmenromane“ gibt es wirklich, hab davon sogar im Studium von gehört.
Es existiert ein Buch über Don Pablos aus Segovia  („Historia de la vida de Buscón“) – und DER GROSSE INDIENSCHWINDEL ist die fiktive Fortsetzung dazu:
Ein zweiter Teil von Leben und Abenteuer des weitbeschrieenen Glücksritters Don Pablos, Landstörzer, Erzschelm und Hauptvagabund“.

Der echte Autor Francisco de Quevedo, der ein bisschen wie unsere Hauptfigur Don Pablos ausschaut.

 

Ein französischer Autor (Alain Ayroles) kommt frech daher und erfindet neue Abenteuer für Don Pablos. Was für ein wahnsinniges Unterfangen!
Welch tapfere Recherche. Ayroles muss ja in die Historie, die Sprache und die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts eintauchen. Was er offenbar mühelos bewerkstelligt. Da bleibt mir schon der Atem weg.

Handlung, bitte:

Auf der Folterbank im Kerker des Stadtkommandanten von Cuzco, Peru, liegt Don Pablos – zerlumpt, todkrank, fantasierend.

In stockenden Rückblicken tischt uns der glücklose Glücksritter seine Lebensgeschichte auf: die Jugend in Segovia mit seiner kleinkriminellen Familie, seine Flucht aus ärmlichen Verhältnissen und Überfahrt in die Neue Welt nach Peru, seine Suche nach dem sagenhaften Eldorado, seine Begegnungen mit Banditen, Indio-Rebellen und schließlich die erfolgreiche Expedition in die Stadt aus Gold. Kapitel 1 schließt mit dem Verstummen von Don Pablos.

Der Stadtkommandant greift sich die Schatzkarte und stürmt mit bewaffneten Reitern davon, um selbst nach Eldorado zu gelangen (und Pablos und seine Expedition zu rächen, die von Eingeborenen aufgerieben wurde).

Was ab Seite 90 (von 160) passiert, darf ich nicht verraten.
Ich verspreche einen rasanten Spaß, intellektuell höchst befriedigend, es beutelt einen zwischen Staunen und Lachen (mir fällt zum Vergleich der Rätselfilmklassiker „Die üblichen Verdächtigen“ ein!).

Und Kapitel 3 heißt dann auch noch: „In dem es darum geht, was der zu sehen bekommt, der die Worte liest und die Bilder betrachtet.“ Da hab ich schon vor Freude geschnappatmet.

Es entspinnt sich ein tolldreistes Husarenstück, in dem noch auftreten: der Vizekönig von Peru, der Rebell El Tigre, der Teufel in der Mine, Pablos‘ Mentor Don Diego sowie der König von Spanien höchstselbst.

In blutiger Aktion: El Tigres Endkampf gegen spanische Söldner.


Ist
DER GROSSE INDIENSCHWINDEL ein perfekter Comic?

Eine Delle im Denkmal ist die Frage der Sympathie: Don Pablos, die Figur, an der alles aufgehängt ist, ist nicht besonders sympathisch. Ein Windei, ein Opportunist, ein Gangster, ein Feigling. Ein Mensch, der eine Menge verachtenswerter Dinge tut, die eine Menge unschuldiger Menschen das Leben kostet.

Autor Ayroles motiviert gottlob das gottlose Treiben seines Antihelden – mit Kindheitstraumata, europäischer Ignoranz und dem allzu menschlichen Wunsch nach Verbesserung der Lebensumstände.

Zum anderen tut natürlich auch BLACKSAD-Zeichner Juanjo Guarnido sein Teil dazu. Sein schurkischer Protagonist ist charmant und sieht gut aus, zudem hat er oft Angst und ist verzweifelt. Und könnten SIE einem Menschen böse sein, der in seiner Angst so sympathisch wirkt?

Na, bitte. Damit sind wir beim Artwork. Das sieht nach Bleistift mit Wasserfarben aus, was einen gefälligen, illustrativ-künstlerischen Look ergibt.
(Ich bin kein Fan von BLACKSAD, habe keins dieser Alben zur Hand, um den Stil genauer zu vergleichen.)
Auch bin ich nicht ganz glücklich mit der oft überzogenen Mimik der Figuren, doch passt diese ins Gesamtbild.
Und sehr hübsch sind auch kleine Reminiszenzen an Guarnidos Hauptwerk, denn immer wieder kommen auch Tiere ins Bild (die Hunde haben sogar eine dramaturgische Funktion, denn sie verbellen den manchmal verkleideten Don Pablos; ein Running Gag, der zeigt, wie fein und detailliert das Kreativteam Ayroles/ Guarnido arbeitet).

Das Artwork ist im Ganzen so wunderbar wie expressiv, stellenweise tritt die Farbe sogar in den Vordergrund. Hervorgehoben sei eine stumme Bildsequenz von zwölf Seiten im Mittelteil, die uns erst einen Hauch von „Aguirre“ (der Herzog-Film) spendiert und uns dann die Pforten nach Eldorado öffnet.

Floßfahrt ins Abenteuer: Pablos und Don Diego auf dem Weg nach Eldorado.

 

Ich rufe die Kunsthistoriker*innen unter Ihnen auf, mir zu melden, wenn Sie Bildmotive der Kunstgeschichte entdecken. Wer ahnt schon, was Guarnido hier alles noch versteckt hat?
Ich fühlte mich bei dieser Seite, Pablos‘ Schufterei in der Mine, an die Kerker von Pirandesi erinnert.
(Ja, Tschuldigung, bin als Kind mal in ein Buch über fantastische Malerei gefallen …)

 

DER GROSSE INDIENSCHWINDEL ist auch ein herbes Werk. Das stets mitschwingende Unterthema ist die Ausbeutung: die Reichen gegen die Armen, die Sieger gegen die Verlierer, die Mächtigen gegen die Ohnmächtigen.
Die Konsequenzen der Conquista werden uns drastisch vor Augen geführt, festgemacht an der Gier nach Reichtum und dem Mythos von Eldorado.

 

Frauen? Fehlanzeige!


Genderpolitisch
betrachtet ist DER GROSSE INDIENSCHWINDEL allerdings eine Katastrophe. Abzählbar wenige Frauengestalten treten in einer Handvoll Panels auf: Pablos‘ Mutter, eine Wirtin, Kurtisanen im Hintergrund sowie zwei einheimische Frauen, die von Pablos auf den Strich geschickt werden. Schlimmer geht es kaum.
Da wir es aber mit einer egomanischen Erzählung des frühen 17. Jahrhunderts, noch dazu mit einem Psychogramm aus Männerperspektive zu tun haben, finde ich das in Ordnung. Der Protagonist hat weite Teile des Werks nur zwei Wünsche: „nicht verhungern“ und „nicht sterben“, alles andere übersteigt seinen Horizont.

Vorstellung der Familie: Während der Vater barbiert, räumt der Bruder die Taschen leer und die Mutter verhehlt das Diebesgut.

 

Ich weiß nicht, ob Autor Ayroles an die Etablierung von Frauenfiguren dachte, aber er wird sich am ersten Teil des Abenteuers orientiert haben. Dort scheinen Frauen ebenfalls nur kleinste Nebenrollen zu spielen bzw. Mittel zum Zweck zu sein (s. Handlung HIER auf Wikepedia).

Wer den englischen Artikel zum Originalwerk liest, bemerkt, dass Ayroles sich clever der Konstellation und Motive aus Teil eins bedient und in seinem INDIENSCHWINDEL verwertet: die Familie, die Schule, Freund Don Diego, der Mönch, die Bettlerei, die Maskerade als Edelmann.

Und nochmal höchstes Lob: Ayroles kreiert eine Fortsetzung, die mit der Einschiffung in die Neue Welt beginnt und den unmöglichen Pablos am Ende doch noch reüssieren lässt.

Lob an dieser Stelle auch an Übersetzer Harald Sachse, der den Groove der diversen Sprechweisen vortrefflich meistert.

Beachten Sie im  obersten Panel die schöne Text-Bild-Schere, die sich durch den ganzen Comic zieht. Fürwahr „Gesichter von Christenmenschen“ – wer sich da mitfreuen könnte!

Und zum Schluss noch zur Dramaturgie, zum Lesevergnügen schlechthin:

DER GROSSE INDIENSCHWINDEL ist auch ein Rätselcomic. Ich habe mehrfach in diesem Buch hin und her geblättert, weil ich nach Referenzen suchte. Stellen beziehen sich aufeinander, Figuren tauchen in neuen Kontexten auf; auch war ich mir manchmal unsicher, wer gerade was erzählt.
Der zweiseitige Prolog ist zum Beispiel komplett unverstehbar – bis wir auf die allerletzte Seite kommen. Wer spricht da? Wer agiert in diesen Bildern? Hat mich fast wahnsinnig gemacht!
Auf Seite 33 gibt es eine Sequenz, die sich erst auf Seite 120 erschließt.

Pablos treibt die „Summe für die Überfahrt“ auf. Wie er das tut, steht auf dem Plakat, das wir aber erst auf Seite 120 zu lesen bekommen. Wird hier nicht gespoilert!

 

Doch gute Nachricht: Alles klärt sich. Lassen Sie sich bei der Lektüre nicht stoppen. Sie müssen sich nicht den Kopf zerbrechen (ich tu das nur automatisch nebenher). In Kapitel 3 wird alles verständlich und unterhaltsam aufgedröselt. Auch das finde ich großartig und übrigens nicht selbstverständlich; in den letzten Jahren verknote ich mir immer öfters die Hirnzellen an überkomplexen Handlungen. (Liegt nicht an mir!)

Doch zurück: Wie schätzen wir ihn ein, den GROSSEN INDIENSCHWINDEL?

Ein berauschend schöner, klassischer Abenteuercomic, der gleichermaßen Wert auf Text und Grafik legt. Prachtvolle Ausgabe in übergroßem Quartformat, macht sich gut auf dem Kaffeetisch. Ein Comic, der literarisch affine Menschen vielleicht für die neunte Kunst erweichen kann. Ein Meilenstein. Tatsächlich.

Verlagsinfos einsehbar HIER.

Kleiner Teaser: Auftakt zu Kapitel 3, hihihihi.

 

Wer von Ihnen einen Instagram-Account hat (oder auch nicht), rufe mein Profil „courthtillmann“ auf. Letzter Tage habe ich dort ein Video gepostet, in dem ich noch einige grafische Tricks von Guarnido im Bild vorführe.

Hierin erkläre ich, wie Text und Bild separate Geschichten erzählen und so eine komplementierende Gesamterzählung ergeben.
Auch zeige ich weitere Kunststücke von Guarnido und wie er mit diesen auf dem Grat zwischen Realität und Fantasie wandelt.

Muss man gesehen haben! Hey, geht ja auch hier. Alles ist erleuchtet, alles ist vernetzt.

 

 

 

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