ANDY MORGAN: das Destillat von Abenteuer pur

50 Jahre ANDY MORGAN: das Destillat von Abenteuer pur
Eine gekürzte und modifizierte Fassung dieses Artikels erscheint Ende Mai auch gedruckt, und zwar in der COMIXENE Nr. 123

50 Jahre ANDY MORGAN, 50 Jahre Carlsen Comics.
Ab Mai wird dort eine Gesamtausgabe im Integral-Look verlegt.
Wir erinnern an die Highlights des größten Abenteuercomics aller Zeiten.

 

Die Erfolgsserie von Greg und Hermann (18 Alben zwischen 1966–2010) ist derartig dominant und herausragend, dass einem in dieser Gewichtsklasse kaum andere Abenteuercomics einfallen: Corto Maltese, Die Haie von Lagos, League of Extraordinary Gentlemen, Reisende im Wind, der Uraltklassiker Terry and the Pirates?
Dieses Genre ist schwer einzugrenzen, jede Abgrenzung mag willkürlich erscheinen (nicht gelten lassen wollte ich beispielsweise Krimi-, Agenten-, Flieger-, Dschungel-, Ritter-, Piraten- und Westerngeschichten). Mir scheint ANDY MORGAN singulär.

Die Darsteller: Andy Morgan, der ehemalige Interpol-Inspektor mit dem markant weißen Haar (ist er ein platinblonder Albino oder bloß im Dienst früh ergraut?), schippert auf seiner Yacht „Cormoran“ über die sieben Meere. Perfekt, um in Sachen Abenteuer alle Ecken der Erde ansteuern zu können.
Begleitet wird er von dem pfiffigen Waisenjungen Ali (im Original: Djinn), den er adoptiert zu haben scheint. Der dritte im Bunde ist der zertifizierte Seebär Barney Jordan, ein rotbärtiger, trinkfester, rauflustiger Australier mit dem Herz am rechten Fleck.
Weshalb die Deutschen keinen Franzosen (Andy heißt eigentlich Bernard Prince) am Ruder sehen wollten, bleibt schleierhaft. „Andy Morgan“ wäre auch ein guter Name für den Marlboro-Mann gewesen und soll wohl den US-amerikanisch angehauchten Geschmack nach Freiheit und Abenteuer verströmen.

Sind die Skripte von Greg zunächst noch angelehnt an formelhaften Kintopp des klassischen Hollywood (Wilde! Piraten! Rebellen! Banditen!), so emanzipiert sich der Autor von Album zu Album von eingefahrenen Mustern und entwickelt packende Szenarien, die originell und memorabel sind. Nicht vergessen wird dabei knallige Action, die Zeichner Hermann in enorme Schauwerte transportiert.
Stürzen wir uns kopfüber in die atemlose Welt des Abenteuers!

Flammen!

 

Ein Waldbrand überzieht die kleine Insel Caranoa mit einer tödlichen Feuerwalze. Eine Gruppe von Unglücklichen ist vom Feuer eingeschlossen. Wir begleiten Andy durch diesen „Glutofen der Verdammten“ und erleben, wie Flammen, Asche und heiße Luft alles Leben zerstören. Heißer Asphalt schmilzt unter Stiefeln, ein See wird zum Schlammloch und Andy unter einem fallenden Baum eingeklemmt. Ein Bärenbaby apportiert die Sprengladung, mit der er sich befreien will.
Dieses Album ist der Durchbruch für Greg und Hermann, die uns hier erstmals mit feinem Timing nervenzerfetzende Spannung jenseits aller Klischees servieren.

50 Jahre ANDY MORGAN: das Destillat von Abenteuer pur

Explosionen!

Eine herabstürzende Dampflok versenkt eine Piratendschunke. Ein mit Pulver beladener Handkarren sprengt einen Panzer. Der Suchhubschrauber der Polizei wird abgeschossen und knallt auf ein Fischerboot. Ein flammender Benzinlaster geht inmitten einer Gruppe von Räubern hoch. Eine Batterie von Schnapsflaschen erhitzt sich in einem Brand und mutiert zu explosiven Molotow-Cocktails.
Barney fängt eine Handgranate, schleudert sie zurück und erledigt so seinen Widersacher. In einem gewaltigen Feuerball versinkt die Yacht des monteguanesischen Präsidenten Valedero. Dank einer selbstgebastelten Explosivmischung aus Schwefel und Salpeter gelingt es Andy, sich den Ausgang aus einer Höhle freizusprengen. Die „Cormoran“ selbst wird in Brand geschossen und zerschellt explodierend an einigen Felsen – nicht ohne zuvor noch ein Boot mit Bösewichtern gerammt zu haben.

50 Jahre ANDY MORGAN: das Destillat von Abenteuer pur

 

Nebel!

 

In den trüben Schwaden einer asiatischen Bergregion versteckt sich „Die Nebelfestung“. Dort regiert Muk, der Mandschu. Der Bandit mit dem schadhaften Lächeln lässt Andy und Barney antanzen, um ein Lösegeld in Diamanten zu überbringen. Doch die Pfade dorthin sind gesäumt mit halsabschneiderischen Wegelagerern. Die einzig sichere Passage führt mitten durch einen Berg und ein gewaltiges Höhlensystem, in dem tödliche Gefahren lauern.

50 Jahre ANDY MORGAN

 

Wüsten!

 

Die Kristallsand-Falle im „Tal der tödlichen Augen“: Unsere Helden sind eingekesselt in einem Tal, dessen Bodenbelag aus reflektierendem Sand besteht. Bei Sonnenaufgang verwandelt sich der Ort in einen gigantischen, funkelnden Spiegel. Die Kristalle blenden so mächtig, dass ihr Licht auch durch geschlossene Augen dringt. Ein halber Tag reicht aus, um einen Menschen blind, halb verdurstet und wahnsinnig zu machen.

Pest und Cholera!

Kaum liegt die „Cormoran“ vor Madagaskar, hat sie auch schon die „Pest an Bord“. So jedenfalls der ursprünglich deutsche Titel, der später in „Tödliche Lava“, dann noch in „Der Atem des Vulkans“ umgewandelt wurde. Der Atem ist nichts weniger als ein veritabler Pesthauch, der drei Kriminelle ereilt hat. Die Gangster tragen den schwarzen Tod an Bord, doch das ist nur das kleinere Problem, denn zeitgleich rast ein Lavastrom auf alle Beteiligten zu (s. „Vulkane!“).

 

Sümpfe!

Das gefürchtete Dschungelgefängnis von Suong-Bay ist umgeben von unerbittlichster Natur, die reinste „Grenze zur Hölle“: ein höllisches Feuchtgebiet, bevölkert von hungrigen Krokodilen und Milliarden von Moskitos. Sie schwärmen so dicht, dass von kaum die Hand vor Augen sieht und die Konturen der Gegend selbst verschwimmen. Allein ihr Gesumme macht Menschen wahnsinnig. „Das Konzert dieser Blutsauger lässt einem das Blut in den Adern gefrieren!“ Andy verliert darin Orientierung und Verstand, und muss von Barney gewaltsam gerettet werden.

Vulkane!

Ein Lavastrom blubbert durch ein evakuiertes Inseldorf. Doch Andy und Ali sind noch vor Ort und müssen Geiseln aus den Händen von Entführern befreien. In einem wortwörtlich heißen Showdown wird der erste Gangster erschossen, während der zweite vom sich öffnenden Erdboden verschluckt wird. Andy rettet sich auf ein Hausdach, wo ihn ein Hubschrauber aufliest.

Ewiges Eis!

Ein Frachter ist gestrandet am nördlichen Polarkreis, die Besatzung aus mysteriösen Gründen offenbar tot, der Funk ist ausgefallen. Andy und Barney werden zu Nachforschungen dorthin geschickt und sollen das Schiff bergen. Doch sie werden  mit einer Schmugglerbande konfrontiert, die jeden Zeugen aus dem Weg räumt. In den Eingeweiden des Geisterschiffs entspinnt sich ein Kampf auch gegen die Uhr: Das Eis schließt sich um die Überlebenden, während die Crew durch rattenverseuchte Gänge stolpert, sich Gangster vom Leibe halten muss und die Kessel in Betrieb zu nehmen versucht.

Stürme!

In der Sahara liegt das „Tal des Todes“, absolut harmlos bei Windstille. Doch wehe, es kommt ein Sandsturm auf! Durch den Talkessel fegen rasiermesserscharfe Sandkörner, die selbst die Felsen zermahlen. Andy, Ali und Barney haben in „Oase in Flammen“ keine andere Wahl, als dort vor Tuareg-Banditen Schutz zu suchen. Ein Motorrad mit Beiwagen sowie ein Kamel halten das Ärgste ab, während ihre Verfolger ins Verderben reiten.

Auf einer Perlentaucherinsel wird die Besatzung von einem Taifun überrascht. Die brachiale Urgewalt wirft die „Cormoran“ an Land und ein begleitender Tsunami spült Andy, Ali und Barney ins Landesinnere. Nur dank eines gnädigen Schicksals kommen sie mit dem Leben davon. Neben im Schlamm verendeten Menschen rappeln sie sich wieder auf die Beine.

 

Wilde Tiere!

Eine gespenstische Riesen-Muräne lauert im „Gesetz des Taifuns“ auf menschliche Beute. Ein blinder Bär bedroht Andy in der Flammenhölle von Caranoa.
Ein irre gewordener Tiger greift Menschen an. Ein Schwarm blutdurstiger Fledermäuse wird vom Lärm aufgeschreckt und attackiert die Besucher einer Höhle.

 

Dschungel!

Auf der Flucht vor Putschisten kämpft sich die Crew samt dem entmachteten Staatspräsidenten durch amazonischen Dschungel. Und muss sich eines Jaguars erwehren sowie entsprungenen Sträflingen, der rebellischen Armee und einem Stamm indianischer Ureinwohner, die Barney kopfüber aufhängen und über offener Flamme foltern. Seine Befreiung endet in einem furchtbaren Gemetzel an den Indios.

 

Schurken!

Der fettleibige Wang-Ho alias „General Satan“ tyrannisiert ganze Dörfer, legt sich mit der Armee an und sorgt dafür, dass Andy in den schlimmsten Knast Südostasiens gebracht wird. Der skrupellose Kurt Bronzen ist ein Erpresser und Landräuber mit größenwahnsinnigen Ambitionen. Der Araber Rahad Sadji bewegt sich in einem Baldachin-geschmückten Panzerwagen fort, handelt mit Waffen und wird von einem Kamel zertrampelt. Der Indio Tuxedo trägt eine verschmuddelte weiße Smokingjacke, geht über Leichen und will zum Schluss alle in die Luft sprengen.


Drogenboss Johnny Lombardi hat die Pest und droht, die Einwohner der Insel Korgka damit zu infizieren; seine beiden Handlanger Howard Cummings und Stephen Udo terrorisieren die Crew mit Feuerwaffen und dem Tragen von fiesen 70er-Jahre-Anzügen. Die Syndikatskiller Raggs und Elizondo sind hinter verstecktem Rauschgift her, wobei ihnen Andy und Barney in die Quere kommen. Duke Sebastian lebt in einer luxuriösen Villa an der französischen Côte d’Azur;  er weiß, dass sein Rivale Comencini ihn töten will; als Andy zwischen die Fronten gerät, gibt Sebastian Befehl, die „Cormoran“ unter Beschuss zu nehmen.

Sex!

Hermanns Frauen sind seltsam fleischlose, krummbeinige, breithüftige Megären. Allesamt toughe Flintenweiber, niemals beschützenswerte Zuckerpüppchen. Damit gehört der Künstler zu den wenigen, die sich der gängigen Pin-up-Darstellung von Frauen verweigern. Zudem läuft auch nix in romantischer Hinsicht. Soll uns recht sein. Denn bei ANDY MORGAN geht es um Intrigen und Verschwörungen. Am schönsten verkörpert von einer namenlosen Attentäterin, der eiskalten Planerin des „Teuflischen Anschlags“. Oder kämen Sie auf die Idee, einen Swimmingpool in eine Säurebad zu verwandeln, um ihrem Ex eins auzuwischen?! Na gut, es ist nicht ihr Ex, sondern ein Gangster, den sie eliminieren soll. Aber krass bleibt es trotzdem.

 

Schlag schneller, Abenteuerherz: Was willst du mehr?!

 

Andy  Morgan ist nichts weniger als ein Held im besten Sinne: Ohne zu zögern, setzt er sich dafür ein, den Schwächeren zu helfen und den in Not Geratenen zur Rettung zu kommen – auch wenn „die Angst ihm den Magen zusammenzieht, lässt ihn das keinen Millimeter von seinem einmal gefassten Plan abweichen“.
Nicht weniger couragiert ist Schiffsjunge Ali, der sich keinesfalls wie der ewige Teenager verhält, der er ist, sondern vielmehr wie der abgebrühteste Agent: Ali missachtet jegliche Order, stürzt sich mit Vorliebe in Lebensgefahr und liefert sich sogar Feuergefechte mit Bösewichtern (diese Figur ähnelt erstaunlich dem klassischen Superhelden-Sidekick).
Barney Jordan schließlich ist fürs Bauchgefühl zuständig. Wie Käpt’n Haddock würzt er die Plots mit erfreulicher Bodenständigkeit, fliegenden Fäusten und erfrischenden Schimpftiraden.

Schlussbemerkung: Die ungebrochene Faszination an ANDY MORGAN liegt darin, Abenteuergeschichten aus dem frühjugendlichen Semifunny-Bereich von TINTIN und SPIROU befreit zu haben und den Beinahe-Erwachsenen ein Angebot gemacht zu haben, dass diese nicht ablehnen konnten. Was die James-Bond-Reihe fürs Kino ist, das leistet ANDY MORGAN im Comicsektor: staunenswerte Exotik gepaart mit brutaler Action. Ich sag‘ Dankeschön.

Legt Barney Jordan neben dem Purzelbaum auch eine Hommage an Obelix hin? „Dick? Wer ist hier dick?!“

 

Die Abbildungen zu diesem Artikel sind (bis auf zwei) den Carlsen-Alben der späten 80er- bis frühen 90er-Jahren entnommen. Diese sind antiquarisch vereinzelt noch zu finden.

Die Abbildung zu „Stürme! /Oase in Flammen“ entstammt der jüngeren Ausgabe der „Kult Editionen“. Diese Bände sind noch sämtlich im Handel erhältlich und präsentieren die Abenteuer in liebevoller Aufmachung, bestem Druck und mit redaktionellem Mantel.

Der älteste Bildnachweis, der zu „Flammen! /Glutofen der Verdammten“ kommt aus der schon musealen ZACK COMIC BOX 6, und die erschien schon 1973. Sie erkennen das Alter untrüglich am damals üblichen Maschinenlettering.

 

 

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